HANS SÖLLNER Live im Tränenpalast Berlin / Konzertkritik

Tagesspiegel /KULTUR / Kurz & Kritisch / 21.04.2005/Von Volker Lüke

HABE DIE EHRE

Bayrischer Reggae – kann das überhaupt erträglich sein? Ja, wenn es einer tut, der mit echter Herzensbildung bei der Sache ist. Ein Überzeugungstäter wie der 49-jährige Liedermacher Hans Söllner, der seit 25 Jahren seine Wut auf die Sausäcke dieser Welt in schwungvolle Protestsongs packt und sich dabei von Bob Dylan zu Bob Marley durchgearbeitet hat. Sein Dauer-Clinch mit der Justiz hat ihn dabei zur Identifikationsfigur aller Alternativen gemacht, die sich vom Staat benachteiligt fühlen. Und obwohl er eigentlich nie im Radio gespielt wird oder im Fernsehen auftaucht, hat er eine stetig wachsende Fangemeinde, die es ermöglicht, dass sich der „wuide Hund von Reichenhall“ in Berlin gleich zweimal im Tränenpalast vor einem begeisterten Publikum als begnadeter Grantler präsentiert, der seine Texte so direkt abliefert, wie es am Stammtisch üblich ist: „Jedes Mal, wenn der liebe Gott scheißen geht, kriegt die Welt einen neuen Papst.“
So ist er – unerschrocken anarchisch, erschreckend naiv, gefährlich verrückt, beseelt vom Freiheitsdrang – man kann es heraushören aus dem Drive, mit dem er seine Lieder vorträgt, mit denen er nicht nur die vom Aussterben bedrohte Form des Protestsongs rettet, sondern auch eine lokalpatriotische Antwort auf alle moik-hörigen Gaudiburschen und sepplbehosten Jodeldeppen liefert, die sich auf die Reste einer vom Kommerz fast umgebrachten Volkskultur stürzen.
Schließlich machen Söllner und seine Band Bayaman‘ Sissdem ihre ganz eigene sakrische Volksmusik, die immer dem Mythos Bayern verpflichtet bleibt. So wie sie auf Jamaika Patois sprechen, singt er eben auf bayrisch. Wettert in ausschweifenden Zwischenansagen gegen die Hohlmeierin, Fischer, Stoiber, Polizei, Babylon. Preist die Vorzüge von Marihuana. Und läßt sich von einer bravourös aufspielenden Backing-Band begleiten: Akkordeon, Bass, Schlagzeug, Keyboards und der herausragende Manfred Puchner, der mit Elektrizität im Blut seine Akustik-BioStrom-Gitarre spielt. „Freiheit muß weh tuan, sonst ko ma nit lebn“, ruft der bayrische Rebell mit seiner vom Tourleben zerkratzten Stimme, lässt seine Dreadlocks fliegen, imitiert den Tanzstil von Bob Marley und verabschiedet sich mit einem zünftigen „Habe die Ehre!“ Hinter der Bühne steigt weißer Rauch auf.